Background Image
Previous Page  164 / 240 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 164 / 240 Next Page
Page Background

164

der Fall. Theater war Unterhaltung und in England sogar oft nicht nur visuell. In

London suchten die Damen des Vergnügens ihre Kunden in der Lobby der Theater

und wenn wir Schliemann glauben können, arbeiteten sie in Manchester sogar im

Theater selbst.

Von Hamburg ging Schliemann nach Bremen und weiter nach Amsterdam. Wäh-

rend seiner Reise durch Deutschland beschwert Schliemann sich über die langsame

Geschwindigkeit der Postwagen. In Russland fahren die Postwagen viel schnel-

ler. In Russland geht alles viel besser. Wie schon gesagt, ist dieses Journal für ein

russisches Publikum geschrieben worden und so brauchen wir uns nicht zu wun-

dern, dass in Russland immer alles besser ist. Schliemann wählte bestimmt nicht

den kürzesten Weg von Bremen nach Amsterdam, möglicherweise aber wohl den

schnellsten. Er nahm die Post nachArnhem und von dort das „Wunder des 19. Jahr-

hunderts“, den Zug. Schliemann benutzte hier „De Nederlandsche Rhijn Spoorweg

Maatschappy“, die 1845, also ein Jahr früher, diese Linie eröffnet hatte. Es ging

von Arnhem über Utrecht nach Amsterdam in wenig mehr als einer Stunde. Heute

geht es kaum schneller.

Von Weihnachten 1841 bis Januar 1846 hatte Schliemann in Amsterdam gelebt. Er

kannte diese Stadt durch und durch und benahm sich hier nicht wie eine Tourist.

Er besuchte in Amsterdam mit seinen alten Bekannten das Theater, sah sich aber

keine touristischen Sehenswürdigkeiten an. Er benutzte das Büro von Schröder, um

einige Briefe nach Russland zu schreiben, und begrüßte seinen alten Chef und des-

sen junge Frau. Sie erzählten Schliemann über ihre Reise nach Konstantinopel, die

sie gemacht hatten. Von jemandem, der sein ganzes Leben Troja widmen wollte,

würde man erwarten, dass er, nachdem er diese Berichte gehört hatte, etwas über

diesen Wunsch in sein Journal schreibt, aber dies tat er nicht. Troja wird nicht in

diesem Journal erwähnt.

Schliemann ist so beschäftigt in Amsterdam, dass er erst in England die Zeit findet,

etwas über seinen Besuch dieser Stadt zu schreiben. Es ist bemerkenswert, dass

dabei von ihm ein Name nicht erwähnt wird. Im Jahre 1845 war Bruder Ludwig

auf seine Empfehlung nach Amsterdam gekommen. Einige Zeit lebten die zwei

Brüder sogar zusammen in einem Haus. Bruder Ludwig wohnte auch 1846 noch in

Amsterdam und man würde also glauben, dass Schliemann ihn besucht hat. Ob er

dies aber tat oder nicht, lässt sich nicht feststellen, denn jeder Hinweis auf seinen

Bruder fehlt in diesem Reisejournal.

Dass Schliemann ein wohlhabender Mann war, können wir auch daran erkennen,

dass er in Amsterdam von B. H. Schröder & Co. einen Kreditbrief über einhundert